Texte

Hier finden sich Texte zu den Themen Kultur, Bildung und Management. Die Texte können gerne an anderer Stelle ganz oder auszugsweise verwendet werden. Ich bitte nur darum, an entsprechender Stelle einen Link zur Quelle des Textes zu hinterlegen. Viel Vergnügen beim Lesen:

 

 

Wandel, Komplexität und das Primat der Gewinnmaximierung

Das deutsche Wirtschaftssystem ist im Rahmen der Globalisierung der Märkte und nicht zuletzt aufgrund des hohen Exportvolumens stark an das Weltmarktgeschehen gekoppelt. Eine immer weiter fortschreitende Ausdifferenzierung des Weltwirtschaftssystems führt zu einem stetig steigenden Komplexitätsgrad in der postmodernen Gesellschaft. Aufgrund des schwer vorhersagbaren Wandlungsgeschehens sind die Entscheidungen auf der Makro-, der Meso- und auf der Mikro-Ebene für Politiker, Unternehmer und Bürger mit großen Risiken behaftet (Risikogesellschaft).

Fredmund Malik ist der Meinung, dass unsere akkumulierten Erfahrungen mit einfachen Systemen schlechte Wegweiser für den Umgang mit hochkomplexen, vernetzbaren Systemen sind. Malik spielt hier mit systemisch geschärftem Blick auf die traditionelle eindimensionale Denkweise von Unternehmen an, die, dem Primat der Gewinnmaximierung folgen und sich allein an den Vorgängen in der ökonomischen und technologischen Umwelt orientieren. Sie vertreten gemäß der allgemeinen Gleichgewichtstheorie perfekter Märkte die Ansicht, dass durch Ausgleich von Angebot und Nachfrage letztlich allen Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg in Form von Wohlstand bei entsprechender Leistungsbereitschaft offenstehe.

Gewinnmaximierung als primäres Unternehmensziel wird aufgrund der immer akuter werdenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme der Wohlstandsgesellschaft - zumindest in wissenschaftlichen Fachkreisen - zunehmend kritisch diskutiert. Erscheinungen wie Massenproduktion, Überkapazitäten, instabile Finanzmärkte, Ressourcenknappheit, die mit dem Energiebedarf einhergehende Umweltbelastung etc. zeigen Problemfelder auf, die vor dem Hintergrund einer sich global entwickelnden Wirtschaft den Ruf nach neuen Modellen und Konzepten zur Bewältigung einer sich ausdifferenzierenden, immer komplexer werdenden Weltwirtschaft laut werden lassen.

Vertreter der St. Galler Managementschule (z.B. Dubs) schlagen daher vor, dem Primat der Gewinnmaximierung das Paradigma eines Gewinns unter Nebenbedingungen entgegenzustellen. Zwar bleibt hierbei der Gewinn ein konstituierendes Merkmal der wirtschaftlichen Ordnung, aber ein Unternehmen ist laut diesem Paradigma angehalten, seine Umwelt sensibler wahrzunehmen und sich um einen Interessenausgleich zwischen seinen Stakeholdern zu bemühen. Das Bemühen um Interessenausgleich bringt für privatwirtschaftliche Unternehmen durch die hinzukommende Varietät zwangsläufig neue Zielkonflikte mit sich, die denen der staatlich geförderten Institutionen sehr ähnlich sind.

Unter der besagten Prämisse sollen auch FPO (For Profit Ogra.) einen sinnvollen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leisten. Sowohl die FPO als auch die NPO (Non Profit Orga.) legitimieren damit ihre Existenz über Nutzenstiftung im Rahmen des Interessenausgleichs zwischen den betreffenden Stakeholdern. Das Paradigma des Gewinns unter Nebenbedingungen würde eine neue normative Ausrichtung der jeweiligen Organisation erfordern und ließe NPO und FPO aus strategischer Sicht deutlich näher zusammenrücken. Würde sich dieser sich andeutende Trend etablieren, hätte dies eine völlig neue Bedeutung des Begriffs der Gemeinnützigkeit zur Folge, was maßgebliche strukturelle Konsequenzen für die soziale Marktwirtschaft insbesondere in den zivilgesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Sphären mit sich brächte.

Ethik, Moral und normatives Management - ein Nachtrag zum VW-Skandal

Die Zeitschrift Der Spiegel titelt in der Ausgabe 40 vom 26.9.2015 in großen Lettern „Der Selbstmord“. Im dort enthaltenen Artikel wird dargelegt, dass Volkswagen vorsätzlich Abgaswerte seiner Dieselmotoren fälschte (vgl. Grolle et al. 2015: 10–16). Abgesehen davon, dass ein solches Vorgehen sicher rechtliche Konsequenzen mit sich bringt, ist dieser Tatbestand aus unternehmensethischer Sicht ein Skandal. In einer Zeit des evolutionären Managements – in dem Unternehmen aus einem ganzheitlichen Verständnis heraus das Wertschöpfungspotenzial ‚weicher‘ Unternehmensfaktoren für sich entdecken – setzt VW damit einen Kontrapunkt, der das über Jahrzehnte aufgebaute Image des Konzerns mit einem Handstreich zerstört. Für Volkswagen wurde das Überbordwerfen dieser weichen Unternehmensfaktoren schnell zu harten Fakten, die sich zum Entsetzen der Shareholder in einem Absturz der VW-Aktie zeigten. Wer bis zu diesem Zeitpunkt an der zentralen Bedeutung einer normativen Positionierung vor dem Hintergrund einer ethischen Selbstverpflichtung von Unternehmen zweifelte, ist jetzt eines Besseren belehrt worden. Streng genommen müsste man dem VW-Management für diese ethisch-moralische Armutserklärung dankbar sein. Dieser Präzedenzfall kann als Plädoyer für das normative Management gelten.

Kulturpolitik in Deutschland - Inklusion vs meritorische Privilegierung am Beispiel öffentlicher Musikschulen

Seit den 1960er Jahren verändert sich unsere Gesellschaft mit zunehmender Beschleunigung durch Prozesse der Differenzierung, Individualisierung und Pluralisierung, die mit zeitdiagnostischen Labels wie 'Postmoderne', 'zweite Moderne' oder 'Risikogesellschaft' belegt werden. Dabei verlieren traditionelle Formen der Vergemeinschaftung mehr und mehr an Bedeutung.

Aufgrund dieser 'Enttraditionalisierung' und vor dem Hintergrund einer sich ausdifferenzierenden Migrationsgesellschaft geraten hochkulturgeprägte Glaubenssätze des deutschen Bildungsbürgertums ins Wanken. Es treten eine Vielzahl spannungsgeladener Dichotomien (z. B. das Fremde und das Eigene, Vielfalt und Einheit etc.) ans Tageslicht, welche mithilfe einer staatlich verordneten 'Inklusionsarznei' über Nacht aufgelöst werden sollen.

Für geförderte Kulturinstitutionen wie beispielsweise die öffentlichen Musikschulen scheint dies eine bittere Pille, da sie auf Geheiß des Staates für die Allokation der meritorischen Dienstleistung Musikunterricht verantwortlich sind und ihre Mission über Jahrzehnte in der Pflege der klassischen Musiktradition sahen. Denn plötzlich heißt diese Mission Inklusion.

An die schweren Türen des altehrwürdigen Leitkulturdenkens klopft jetzt eine Gesellschaft, die sich mitten in einem komplexen, teilweise diskontinuierlichen Wandlungsprozess befindet. Und das tut sie mit einer Lautstärke, welche die Frage "Hast du was gehört?" obsolet macht.

Infolgedessen hat der Verband der deutschen Musikschulen (VdM), um beim angeführten Beispiel zu bleiben, als Sprachrohr der öffentlich geförderten Musikschulen die Tür weit geöffnet und sich im diesbezüglichen Diskurs gut aufgestellt. Sein aktuelles Leitbild ist befreit von verstaubtem Traditionalismus und die Potsdamer Erklärung ruft 2014 sogar die inklusive Musikschule Kritikerwerfen den geförderten Kulturinstitutionen Strukturkonservatismus vor und thematisieren ein vielerorts vorzufindendes Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einem 'inklusiven Leitbild' und gelebter Wirklichkeit.

Dem Staat scheint es einerlei. Die Sparpolitik und die Marktliberalisierung halten ein Damoklesschwert, das drohend über meritorischen Gütern schwebt, wobei im Deutschen Bundestag vielleicht noch nicht ganz klar ist, dass die eigene Inklusionspolitik die staatlich subventionierten Institutionen in eine Legitimationskrise stürzt. Das kommt daher, dass meritorische Privilegierungen aufgrund ihres 'exklusiven' Charakters den Inhalten der Inklusionspolitik nahezu diametral entgegenstehen.